1312ER

In den kleinen Blockwohnungen der südbadischen Kleinstädte Offenburg, Kehl und Achern liegen die Wurzeln der 1312er. Hier im französischen Grenzgebiet gibt man nicht viel auf weltmännische Modeblogs, Vegan Street Food und verspulten Cloudrap aus den Lichtjahre entfernten Szene-Meetingpoints. Vielmehr ist man round-the-clock damit beschäftigt, sich den schmalen Taler für die Miete mittels gewagter Sportwetten oder risikoreicher Geschäfte in kleinen Nebenstraßen zusammenzugaunern. Capitano93, intelliGENT, West, Santos und Kassach sind allesamt dort aufgewachsen, wo, wie sie in einem ihrer Tracks deutlich machen, »Fußballtalente« nicht selten zu »Schwerkriminellen« werden.
Was alle Fünf in ihrer jeweiligen Reminiszenz eint, ist ein von harten Schicksalsschlägen gepflasterter Weg ins Erwachsenenalter. Mittellosigkeit, Familiendramen, Umzüge, harte Krankheiten und Todesfälle im Umfeld gehörten wie der Stress mit den Lehrern und der frühe unfreiwillige Kontakt zur Polizei schnell zum tristen Alltag der heute Anfang Zwanzigjährigen. Wahrscheinlich waren es genau jene Lebensumstände und die »Narben von den Tagen auf den Straßen«, die die Jungs nach und nach wie durch Magnetismus zusammenbrachten und bis heute durch ein festes Band vereinen. In ihrer Gesamtheit ist die Crew weit mehr als eine bloße Zweckgemeinschaft oder das rein zufällige Abbild einer multikulturellen Community.
Als »Asoziale Clique aus Baden« (ACAB) gegründet (ein Schelm, wer in diesem Namen eine Doppeldeutigkeit erkennen mag), war der Zusammenschluss von Beginn an Straßengang, Freundeskreis, Tickerbande und, was aus heutiger Sicht wohl der spannendste Aspekt ist, Rap-Kollektiv zugleich. Capitano, der älteste der Crew, nimmt vor gut drei Jahren das Zepter in die Hand, schöpft seine lokalen Connections aus und führt dadurch die Gruppe zusammen, die sich im Laufe der Jahre, plausibel abgeleitet vom ursprünglichen Namen, als 1312er betitelt. Ein Jahr zuvor hatte er West und Kassach kennengelernt, die wiederum bereits mit Santos in Kontakt gestanden hatten. Schon bald stellt Capitano dem Rest der Bande den noch sehr jungen intelliGENT vor, der kurz später konsequent ins Rudel integriert wird. Mit Ki2La ist zudem schnell ein Hausproduzent gefunden, in dessen Studio alle musikalischen Fäden zusammenlaufen.
Dass sich die Jungs neben krummen Geschäften nun auch vermehrt in Crew-Formation mit Rap beschäftigen, ist alles andere als ein Zufall: Von klein auf in erster Linie von den schillernden US-Legenden und dem harten Berliner Rap der frühen Nullerjahre inspiriert, war HipHop für jeden einzelnen der Jungs schon sehr früh ein essentieller Ausweg aus dem täglichen Trott und, wie West betont, »ein wichtiges Ventil, um Druck abzulassen«. Insbesondere intelliGENT beginnt früh, sich auf eigene Faust am Mic zu versuchen, setzt sich schon mit 13 Jahren das Headset auf und schreibt Texte. Parallel dazu wird auch im Kinderzimmer von Santos resolut gefreestylet, wobei, wie er offenlegt, »schon Tracks im Umfang von mindestens zwei Alben« entstehen.
Auch wenn seit 2015 wiederkehrend kleine musikalische Lebenszeichen zustande kommen, überwiegen zwischenzeitlich doch immer wieder andere Betätigungsfelder und Probleme, die die Arbeit am gemeinsamen Rap-Projekt hin und wieder in den Schatten stellen. Erst die Kandidatur beim Newcomer-Contest #Raptags 2017 im Herbst letzten Jahres ändert diesen Zustand mehr oder weniger abrupt: Beworben mit dem Straßen-Brett »Strafakten« landen Capitano93, intelliGENT, West, Santos und Kassach dort in der Top 3 des Crew-Rankings und haben schlagartig ein scharf gestochenes Eigenbild von der Qualität ihrer gnadenlosen Kunst. Mit einem durch spürbar beißenden Hunger aufgeladenen Vibe, der alte Schule und neumodische Styles eindrucksvoll kreuzt, beweisen die Jungs heute unisono, dass auch der scheinbar provinzielle Süden der Republik durchaus dazu in der Lage ist, authentische Straßengeschichten auf brachialen Beats und eingängigen Hooks zu platzieren. Auch wenn noch einige Bewährungsstrafen bis heute offen sind und der Himmel über Offenburg durch einen Deal mit Chapter ONE/ Universal Music freilich nicht automatisch aufhellt, stehen die Zeichen nun zumindest auf Attacke. Deutschrap darf durchaus gespannt sein, was das bald erscheinende erste Tape der 1312er zu bieten haben wird…

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